| Verena Herwig und Hildegard Kaul

Backstage in der Restaurierung

Teil 1: Die Hüterinnen der Gemälde

Diesen Sonntag feiern wir den Europäischen Tag der Restaurierung. Anlass für uns, einen Blick hinter die Kulissen unseres Museums zu werfen und unsere Kolleginnen aus der Gemälderestaurierung zu interviewen. In gewohnt fröhlicher Atmosphäre beantworten uns Hildegard Kaul, Leiterin der Gemälderestaurierung und Koordinatorin der Restaurierung der 3Landesmuseen, sowie ihre Mitarbeiterin Verena Herwig (Dipl.-Rest. (FH)) trotz ihrer vollen Terminpläne fünf Fragen über ihren Werdegang und das Arbeiten im Museum als Restauratorinnen.

Wie lange arbeiten Sie schon im Museum?

 

Hildegard Kaul: 1976 hatte ich das große Glück eine dreijährige Ausbildung beim damaligen Chefrestaurator Knut Nicolaus zu erhalten. Im Jahr 1979 wurde eine zweite Restauratorenstelle nach vielen Jahren der Beantragung bewilligt, so dass ich Mitarbeiterin in der Restaurierungsabteilung werden konnte. 1986 habe ich mich, als Herr Nicolaus in Köln den Studiengang der Restaurierung aufbaute, für die Leitung der Werkstatt beworben. Alles in Allem bin ich nun seit 45 Jahre an diesem Museum tätig.

 

Verena Herwig: Seit 2000 war ich als Studentin und später auch als Freiberuflerin für die Gemälderestaurierung des Hauses tätig. Meine Festanstellung hat im März 2005 begonnen.

Das Motto des diesjährigen Europäischen Tages der Restaurierung lautet "Achtung Kunst!". Restaurator*innen aus ganz Deutschland präsentieren am 10. Oktober 2021 ihre aktuellen Projekte online und in den Museen. Ein Blick auf das Programm zeigt die Vielfalt der Tätigkeiten eines Restaurators. Aber wie wird man eigentlich Restaurator*in? 

Hildegard Kaul: Zu meiner Zeit war es Tradition in einem Museum, bei der Denkmalpflege oder bei freien Restauratoren die Ausbildung zu erhalten. Herr Nicolaus und ich haben aber von Anbeginn bei unseren Praktikant*innen auf ein Studium hingewirkt, welches sich an die dreijährige Grundausbildung anschließen sollte.
In heutiger Zeit ist der Restauratoren-Beruf noch immer nicht im Werdegang fest vorgeschrieben oder gar geschützt, das Studium hat sich aber etabliert. Da es sich um eine sehr langjährige Ausbildung handelt, ist allerdings die Grundausbildung, als Voraussetzung für das Studium, immer weiter verkürzt worden.
Wer sich genauer über den Berufsweg informieren möchte, sollte sich die Website des Verbandes der Restauratoren (VDR)  ansehen. Dort ist der Restauratorenberuf mit all seinen Facetten sehr gut beschrieben.

 

Verena Herwig: Ich habe ein dreijähriges Vorpraktikum absolviert (1,5 Jahre bei einem freien Restaurator im Teufelsmoor und 1,5 Jahre bei einem Restaurator in Chania, Kreta). Das Vorpraktikum war die Voraussetzung für die Immatrikulation. Danach habe ich das Studium der Konservierung und Restaurierung an der FH Erfurt im Fachbereich Konservierung und Restaurierung absolviert (8 Semester).

Wir wollen unseren Leser*innen einen Blick hinter die Kulissen des Herzog Anton Ulrich-Museums ermöglichen. Würden Sie uns deshalb einmal schildern, wie ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aussieht und was zu Ihren Aufgabenfeldern gehört?

Hildegard Kaul: Meine Arbeit hat sich über die Jahre immer mehr von der Staffelei in das Büro verlagert. Meine Tätigkeiten beinhalten inzwischen in erster Linie beispielsweise Koordinationen, Besprechungen, Beratungen, Untersuchungen, Beurteilungen, Bestellungen, Planungen, Budgetverwaltungen, Einholungen von Kostenvoranschlägen, Beauftragungen und so weiter- und zu einem kleinen Teil das Arbeiten am Objekt.


Verena Herwig: Leider bleibt an vielen Tagen wenig Zeit für die eigentliche restauratorische Arbeit, die direkte Arbeit am Objekt. Ich verbringe viel Zeit mit präventiven, klimatischen Belangen innerhalb der Ausstellungsräume und der Depots des Museums, um eine optimale Regulierung der Umgebungsbedingungen zu erzielen.

Außerdem bindet die Vorbereitung von Leihgaben für fremde Ausstellungen einen großen Teil der Arbeitszeit. Die Gemälde müssen vorab an ihrem Aufbewahrungsort abgehängt  und Ersatzbilder in den Dauerausstellungsräumen müssen aufgehängt werden. Es erfolgt dann eine Untersuchung des Zustandes und im Anschluss werden die notwendigen konservatorischen und restauratorischen Arbeiten werden durchgeführt. Es werden außerdem ein Zustandsprotokoll erstellt und die Verpackungsmodalitäten bestimmt. Im Anschluss wird dann die Kurierbegleitung an den Ausstellungsort durchgeführt. Im Ausstellungsort wird das Objekt ausgepackt, der Zustand kontrolliert und das Gemälde montiert. Die klimatischen Bedingungen sowie die Beleuchtungsstärke werden ebenfalls vor Ort geprüft.

Jedes Berufsbild hält Herausforderungen bereit: Was ist das Schwierigste bzw. das Schönste an Ihrem Beruf als Restauratorinnen?

Hildegard Kaul: Das Schwierigste ist definitiv die Prioritätensetzung. Bei einem Gemäldebestand von 1400 Objekten sind zwei Restauratorenstellen für diesen Bereich nicht im Ansatz ausreichend. Zu wissen, dass bei aufwändigen Arbeiten an einem Objekt, zahlreiche andere Objekte stärker dem Verfall ausgesetzt sind, ohne dass deren Vergang aufgehalten werden kann, ist schwierig. Von daher ist der verantwortungsvolle Umgang mit der Arbeitszeit, egal ob in der Planung oder praktischen Umsetzung, immer eine Gratwanderung und eminent wichtig.
Das Schönste ist für mich der Kunst so nahe kommen zu dürfen, das ist ein echtes Privileg. Außerdem stehen uns Restauratoren, außer unseren prüfenden Augen, besonders an diesem Haus noch mehrere technische Hilfsmittel zur Verfügung. Stirnlupe, Mikroskop, die Untersuchung mit UV-Licht, Infrarot bis hin zum Röntgen von Gemälden können wichtige Details und Hinweise auf die technische Ausführung, aber auch auf die Schadensursachen geben, so dass die Konservierung oder Restaurierung der Gemälde darauf abgestimmt werden können.

Verena Herwig: Auf die erste Frage möchte ich mit einem Zitat von Karl Valentin antworten: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Aber gerade die vielen, facettenreichen Aufgaben machen den Beruf so attraktiv. Der direkte Blick auf und in das Gemälde gehört zu den schönsten Momenten meiner Arbeit, es ist ein ganz intimer Moment mit dem Gemälde und seiner individuellen Geschichte.

Eine letzte Frage hätten wir noch: Sie sind als Restauratorinnen gemeinsam für den gesamten Gemäldebestand des Herzog Anton Ulrich-Museums zuständig - haben Sie ein Lieblingsobjekt?

Hildegard Kaul: Es gibt für mich inzwischen nicht ein Lieblingsbild, da mir die gesamte Sammlung sehr ans Herz gewachsen ist. Die Fülle der früh zusammengetragenen, unterschiedlichen Kunstgattungen ist etwas ganz Besonderes. Die Sammlung unseres Museums ist eigentlich ein Gesamtkunstwerk, ein Zeitdokument der Sammelleidenschaft und Kennerschaft, gegründet von Anton Ulrich.
Wenn es nun um Lieblingsbilder aus der Gemäldesammlung geht, möchte ich zwei benennen, zwischen denen ich mich in ihrer Großartigkeit nicht entscheiden mag:
Das „Familienbild“ von Rembrandt fasziniert mich, weil der Künstler mit dieser Darstellung seiner Zeit voraus war. Er brach mit der traditionellen Zuordnung, die Töchter neben der Mutter darzustellen und Söhne entsprechend nahe dem Vater. Er löste sozusagen diese eher steife Platzierung auf und schuf durch eine „frei geordnete“ zwanglose Gruppierung eine ganz natürliche, achtsame und innige Familienansicht. Außerdem fasziniert mich an diesem Gemälde der phantastisch gespachtelte Auftrag der Farbe in den Gewändern. Dies wirkt unglaublich modern.

Das andere Gemälde betrifft Rubens großartiges Werk der „Judith mit dem Haupt des Holofernes“. Der eindringliche Gesichtsausdruck der Judith ist schwer in Worte zu fassen und lässt viel Spielraum für den Versuch einer treffenden Deutung. Der Blick hat mich als Betrachterin immer schon sehr berührt. Außerdem ist besonders an diesem Gemälde der Prozess der Bildentstehung hoch interessant. Rubens landete nicht gleich "den großen Wurf“ mit der für uns heute sichtbaren Fassung, sondern er erarbeitete sich die Darstellung im Laufe des Malprozesses. Dieses Ringen nach einer Formvollendung ist unglaublich spürbar. Wir konnten mit unseren Untersuchungsverfahren nachweisen, dass Rubens mehrere Veränderungen in dem Bildmotiv vornahm, bis hin zu einer nicht unerheblichen Formatvergrößerung. Diese eigenhändigen Veränderungen haben die dramatische Bildwirkung nochmals gravierend gesteigert.

Verena Herwig:  Zwei meiner Lieblingsgemälde sind die „Allegorie der fünf Sinne“ von Ludovicus Finson und das „Familienbild“ von Rembrandt. Außerdem finde ich den Radfächer aus Elfenbein und die Kugellaufuhr, zwei Objekte die im 2. Obergeschoss präsentiert werden, faszinierend.

 

 

 

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