| Dr. Silke Gatenbröcker

Dürers Geburtstag

Künstler-Geburtstag jährt sich zum 550. Mal

Geburts-Jubiläen von Künstlern werden gern zum Anlass genommen, sich erneut mit diesen zu beschäftigen, ob in großen Sonderausstellungen, in wissenschaftlichen Forschungsprojekten oder auch in kleinen Beiträgen.
In diesem Jahr jährt sich zum 550. Mal der Geburtstag von Albrecht Dürer (1471-1528). Kaum ein Maler hat eine so weitreichende Wirkung für die europäische Kunst entwickelt wie der Nürnberger Meister.

Bedeutende Werke im Kupferstichkabinett

Auch das Herzog Anton Ulrich-Museum bewahrt in seinem Kupferstichkabinett bedeutende Werke  von Dürer. Im „Virtuellen Kupferstichkabinett“ können sie  online angesehen werden. Seine druckgraphischen Arbeiten besitzen wir in großer Fülle und herausragender Qualität. Ein besonderes Glanzlicht ist darüber hinaus eine eigenhändige Zeichnung des Meisters, die 1521 entstand, also genau vor 500 Jahren! Dürer entwarf darin einen aufwändig verzierten, prachtvollen Thronsessel für den Erzbischof von Salzburg, Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg. Selbst in diesem eigentlich unbelebten Motiv vermag Dürer mit einer reichen Tier- und Pflanzenornamentik die lebendige Natur zu erwecken, die für ihn Maßstab seiner Kunst und Antrieb für seine unerschöpfliche Phantasie war.

Eine weitere Zeichnung, die vielleicht auch dem jungen Dürer zuzuschreiben ist, stellt die Legende vom Heiligen Christophorus dar, wie er das Jesuskind durch einen Fluss trägt.

Nachahmungen und Kuriositäten im Gemäldebestand

Eigenhändige Ölgemälde von Albrecht Dürer besitzen wir leider nicht. Zwar wurde im 18. Jahrhundert in der von Herzog Anton Ulrich gegründeten Gemäldegalerie eine ganze Reihe von Bildern unter Dürers Namen aufgelistet, doch was davon heute noch vorhanden ist, hat sich inzwischen als Kopie oder Nachahmung herausgestellt und wird im Depot bewahrt. Das Jubiläum bietet den Anlass, einen Blick darauf zu werfen. Es gibt Kurioses zu entdecken, das bezeugt, wie sehr der große Renaissance-Meister schon immer verehrt wurde.

Selbstbildnisse?

Wir finden hier zwei vermeintliche „Selbstbildnisse“ Dürers. Beide Gemälde sind beileibe keine Meisterwerke, und nach stilistischen Merkmalen zu urteilen entstanden sie auch erst nach Dürers Tod.

Das erste Stück ist eine freie Nachahmung nach einem Selbstbildnis, das Dürer in sein berühmtes „Fest der Anbetung der Rosenkranz-Madonna“ eingefügt hat; es befindet sich heute in der Prager Nationalgalerie. Unter den Teilnehmern zeigt er sich dort als Schöpfer des Altarbildes im Hintergrund am rechten Rand der Darstellung.

Unser Gemälde schneidet dieses Teilmotiv sozusagen heraus und „zoomt“ es zu einem größeren, eigenständigen Bildformat. Der charakteristische Blick aus dem Bild, mit dem der Künstler sich im Spiegel sah und nun den Kontakt zu uns aufnimmt, scheint die Sache überzeugend zu machen.

Unser Bild wurde auf Kupfer gemalt, während Dürer für seine Ölgemälde Holztafeln oder Leinwand benutze. Daher könnte es sich um eine Arbeit aus dem Ende des 16. oder beginnenden 17. Jahrhundert handeln, als Kupfertafeln gern verwendet wurden. Und es passt in eine Zeit, in der bereits Dürer-Jubiläen gefeiert wurden, die großen Bilderhunger auslösten. Das Abbild des Meisters wurde nun in unzähligen guten und schlechten Nachahmungen auf den Markt gebracht; teilweise handelte es sich um Nachahmungen von Nachahmungen. - Viele Sammler wollten gern glauben, einen „echten“ Dürer zu erwerben, und oft fehlte in einem Zeitalter vor der Fotografie und mit beschwerlichen Reisebedingungen der Vergleich. Man hatte viel von Dürer gehört, ohne selbst eigenhändige Gemälde von ihm gesehen zu haben.

Das zweite Selbstbildnis gibt hingegen einige Rätsel auf. Zunächst wirkt es wie eine recht freie Nachahmung nach Dürers Gemälde von 1498 im Prado in Madrid. Dort zeigte sich Dürer in einem eleganten Renaissance-Kostüm, als durch die Erfahrung einer Italienreise gereifter und weltgewandter Edelmann. Unser Stück kann nicht direkt nach diesem Meisterwerk gemalt worden sein, die verfälschenden Abweichungen sind zu offensichtlich. Das Kostüm ist stark vereinfacht; der Landschaftsausblick, mit dem Dürer auf seine Reise über die Alpen verweist, ist weggelassen; und anstelle der lässig getragenen Handschuhe präsentiert er nun etwas steif eine Lilie, gemeinhin das Symbol der Marienverehrung. Spielt bei dem Blumenmotiv vielleicht sogar Dürers frühes Selbstbildnis mit Distel im Louvre etwas mit hinein? Eine Kopie davon gab es beispielsweise noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Sammlung Beireis in Helmstedt. Und auch von unserer Variante sind mindestens noch zwei weitere Varianten in Privatsammlungen nachgewiesen.

Es scheint, als hätten wir es mit einer Mischung verschiedener Elemente aus den bekannten Selbstbildnissen Dürers zu tun. An dieser Stelle lohnt noch ein Blick auf die Inschriften am oberen Bildrand. Das Sterbedatum Dürers zeigt, dass es sich um eine postume Arbeit handelt (auch wenn es ein Jahr zu früh angegeben ist, tatsächlich starb er am 6. April 1528). Die darüber angebrachte Zeile „Seines Alters 32 - 1503“ bezieht sich wohl auf die Eröffnung einer eigenständigen Werkstatt, ein Jahr nach dem Tod des Vaters. - In der Literatur tauchte der Hinweis auf ein verschollenes Diptychon auf, in dem Albrecht Dürer sich und seinen Vater im Jahr 1503 gemalt haben soll (Weltkunst Nr. 41 von 1971). Könnte unser Bild ein späteres „remake“ eines heute verlorenen Selbstbildnisses sein? Das ist unwahrscheinlich: In seinen Selbstbildnissen ging es dem Künster um das genau Studium seiner selbst, so wie er sich gerade sah. Ein fünf Jahre altes Bildnis hätte er kaum wieder aufgegriffen. Wahrscheinlicher ist, dass ein Nachahmer mit Hilfe verschiedener druckgraphischer Reproduktionen nach Dürers Originalen ein Pasticcio geschaffen hat.

Hans Hoffmann und die Dürer-Renaissance

Besonders hervorgehoben wird im Salzdahlumer Galerie-Inventar ein weiteres Gemälde, das wohl ebenfalls schon zu Zeiten von Anton Ulrich unter Dürers Namen erworben wurde: Das heute Hans Hoffmann zugeschriebene Gemälde „Christus unter den Schriftgelehrten“ sei „von seiner besten Manier und mit grossem Fleiß gemahlt“, also von höchster Qualität.

Es handelt sich um eine beliebte Szene aus dem Neuen Testament: Jesu Eltern finden ihren zwölfjährigen Sohn nach drei Tagen sorgenvoller Suche im Tempel, vertieft in das Gespräch mit den jüdischen Rabbinern. Er kann mit ihnen, den viel erfahreneren Gelehrten, intellektuell mithalten, schon hier zeigt sich die wundersame Klugheit des Jungen. An seinen Fingern zählt er seine Argumente ab: Er ist derjenige, der die Diskussion bestimmt, alle hören ihm staunend zu.

Hans Hoffmann (um 1530 - 1591/92) ist der bekannteste Meister der sogenannten „Dürer-Renaissance“. Rund 100 Jahre nach Dürers Geburts- und Sterbejahr, zwischen 1580 und 1630 machten es sich eine Reihe von Künstlern zur Aufgabe, in Anlehnung an Dürers Werk zu arbeiten. Hoffmann stammte wie Dürer aus Nürnberg und erwarb sich für seine fein gemalten Werke in der Art Dürers größte Anerkennung. Kaiser Rudolf II. in Prag, ein fanatischer Dürer-Sammler, ernannte ihn zum Hofmaler. Tatsächlich fußt auch unser Gemälde auf einem berühmten Werk von Dürer selbst aus dem Jahr 1506, das heute zu den größten Schätzen der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid gehört.

Auch hier gibt die Jahreszahl 1512 am oberen Rand unseres Bildes Rätsel auf. Sie stimmt nicht mit dem Datum des Dürer-Originals überein, gibt aber vor, das Gemälde sei zu Lebzeiten des Meisters geschaffen worden. Von der Beliebtheit dieser Dürer-Adaption zeugen mehrere Kopien in europäischen Sammlungen.

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