Museum im Blick

Interview #3: Christoph Bongert

Was macht eigentlich ein*e Kurator*in?

Kennst du eigentlich den Beruf des Kurators? Museen sind viel mehr als Orte, an denen historische Gegenstände ausgestellt werden. Hinter jeder Ausstellung stehen Menschen, die entscheiden, welche Objekte gezeigt werden und welche Geschichten sie erzählen. Doch wie sieht dieser Beruf eigentlich aus und was gehört zum Arbeitsalltag dazu?

Christoph Bongert arbeitet als Kurator für Zeitgeschichte im Braunschweigischen Landesmuseum. Im Interview gibt er spannende Einblicke in seinen Beruf und erklärt, was ihn an seiner Arbeit besonders begeistert: 

Jara: Könntest du dich kurz vorstellen und deine Rolle im Museum beschreiben?

Christoph: Ich bin Christoph und am Braunschweigischen Landesmuseum der Kurator für die Zeitgeschichte. Ein „Kurator“ am Museum ist eine Art Türhüter, d.h. mein Job ist es im Grunde, aus einer Menge mir unter die Augen kommender Dinge einige wenige auszuwählen und einzulassen – sei es in unsere Sammlung, um sie für die Zukunft zu bewahren, in unsere Datenbank, um sie nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung zu bestimmen, oder in eine Ausstellung, um einem diversen Publikum eine Anschauung (s)einer Vergangenheit zu verschaffen.

Jara: Und was versteht man unter „Zeitgeschichte“?

Christoph: „Die Vergangenheit zerfällt ja in zwei sehr ungleiche Abschnitte: In einen unüberblickbar großen, von dem wir nur aufgrund von „Spuren“ und „Fährten“ wissen, die wir lesen müssen. Und in zweiten, im Verhältnis dazu sehr überschaubaren, winzigen, von dem wir zusätzlich aufgrund der Erinnerungen unserer Mitmenschen wissen, die wir befragen können. Unsere eigene Lebenszeit also plus diejenige unserer Mitlebenden. Dadurch, dass wir sie fragen (und sie uns antworten) können, verlängert sich sozusagen unsere eigene Lebenszeit nach vorne, vor unsere Geburt. Und dadurch, dass andere uns nach unseren Erinnerungen fragen, verlängert sie sich auch nach hinten, nach unseren Tod. Aber egal, auf den Begriff gebracht: „Zeitgeschichte“ meint jenen Teil der Vergangenheit, von dem noch lebende Mitmenschen durch geteilte Erinnerungen Zeugnis ablegen können. Konkret: Wir betrachten einerseits zum Beispiel Fossilien im Naturkunde­museum, Urkunden im Archiv, Fotos aus Omas Album – die sagen uns von sich aus gar nichts, wir müssen Sinn in sie hinein- und aus ihnen herauslesen. Andererseits begegnen wir etwa der Finderin eines Fossils, dem Digitalisator einer Urkunde, Oma. Die können uns etwas erzählen. Das muss natürlich nicht besonders interessant oder relevant sein... Also jedenfalls nicht so, dass wir die Erzählung erinnern oder aufzeichnen wollen. Aber sie gehören zur Zeitgeschichte.

Jara: Welchen Teil deiner Arbeit findest du besonders spannend?

Christoph: Tja, das hängt im Prinzip genau damit zusammen. Wenn Zeitgeschichte die Vergan­genheit unserer Zeitgenoss*innen ist, oder die Gesamtheit der möglichen geteilten Erinnerungen noch lebender Zeitzeug*innen, dann bedeutet sie zu kuratieren ja so viel wie: auszuwählen, welche der möglichen geteilten Erinnerungen für die Zukunft bewahrt und in Ausstellungen als Vergangenheit gezeigt werden. (Es lassen sich ja nicht alle bewahren und zeigen). Aber nach welchen Kriterien soll diese Auswahl stattfinden? Das ist die spannende, auch politische Frage! Wer soll an dieser Auswahl, und das heißt vor allem: an der Bestimmung der Kriterien, mitbeteiligt werden? Wessen Geschichten sollen als wessen Geschichte gezeigt werden? 

Für das Braunschweiger Landesmuseum kommt noch eine besondere Schwierigkeit hinzu: Bekanntlich gibt es ja seit 1946 kein eigenständiges Braunschweigisches Staatswesen mehr. Was wird dann aus dem „Braunschweigischen“ – „Großraum“? „Zukunftsregion“? „Metropolregion“? „Südostniedersachen“? Und so weiter. Wer von den nach 1945 im Gebiet des ehemaligen Herzogtums bzw. Freistaats Geborenen oder dorthin Zugezogenen erlebt das Geschehen (noch) als Geschichte des „Braunschweiger Lands“? Das heißt, und das finde ich an dem Job so klasse: Es ist nicht von vornherein klar, was eigentlich an unserem Museum das Betätigungsfeld des Zeitgeschichtlers ist – weil sich sozusagen vor unser aller Augen die Braunschweigische Zeitgeschichte immer mehr in einen Gegenstand jener fernen Vergangenheit verwandelt, an die sich Mit­lebende nicht mehr erinnern können, die sich also nur noch erlesen lässt. Jedenfalls, sofern wir nicht eine Zukunft für „das Braunschweigische“ erfinden, wie das mit den genannten Begriffen wie „Metropolregion“ ja versucht wurde und wird. Wie erfolgreich das ist, hängt insbesondere davon ab, ob sich die Begriffe als nützlich und relevant für das (Zusammen-)Leben hier erweisen.

Wie wird man ein*e Kurator*in?

Ausbildung oder Studium

  • Ein geisteswissenschaftliches oder historisches Studium ist eine häufige Grundlage, z. B. Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur-, Kultur-, Sozial-, Natur-, Technik- oder Philosophiegeschichte.
  • Eine Promotion kann in einzelnen Bereichen von Vorteil sein, ist jedoch keine Voraussetzung und keine Garantie für eine Anstellung.

Wichtige Fähigkeiten

  • Neugier auf historische Objekte und ihre Geschichten
  • Kreativität bei der Gestaltung von Ausstellungen und der Inszenierung von Objekten
  • Freude daran, Zusammenhänge anschaulich und verständlich zu vermitteln
  • Experimentierfreude, Offenheit und die Fähigkeit, bekanntes neu zu denken

Praktika und Einblicke

  • Praktika in Museen bieten eine gute Möglichkeit, erste Erfahrungen zu sammeln und den Berufsalltag kennenzulernen. Der Einstieg ins Museumswesen verläuft jedoch oft individuell – auch ohne frühere Museumserfahrung ist ein Berufseinstieg möglich. Flexibilität ist wichtig, da Karrierewege in diesem Bereich häufig wenig planbar sind.

Glossar

1Digitalisator*in: Jmd. die*der Dokumente von analoge (z.B. Hochzeitsurkunde, etc.) in digitale Formate umwandelt.

Ich bin Jara und absolviere derzeit mein FSJ Kultur in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit / Marketing der 3Landesmuseen Braunschweig. Für mein eigenständiges Projekt habe ich Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Museumsbereichen interviewt, um einen Blick hinter die Kulissen des Museumsalltags zu ermöglichen. Denn Museumsberufe sind oft viel abwechslungsreicher, als man auf den ersten Blick vermutet. Mit dieser Reihe möchte ich zeigen, wie spannend die Arbeit im Museum ist – und vielleicht auch den einen oder die andere für einen Beruf im Museum begeistern.

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