| Dr. Hans-Jürgen Derda

We proudly present:

Otto IV. - ein Welfe auf dem Kaiserthron

We proudly present: den ersten und einzigen Welfenkaiser, Otto IV., Sohn von Heinrich dem Löwen und seiner Frau Mathilde von England. In der Stiftskirche St. Blasii, besser bekannt unter dem Namen »Braunschweiger Dom«, sind der stolze und mächtige Welfenherzog Heinrich der Löwe (um 1129/31-1195) und seine Gemahlin, die englische Königstochter Mathilde (wohl 1156-1189), beerdigt. Die prächtige Grabplatte zur Erinnerung an das berühmte Herzogspaar in unmittelbarer Nähe des Marienaltars weist unübersehbar darauf hin und ist ein Anziehungspunkt für das Braunschweiger geschichtsinteressierte Publikum und für zahlreiche Touristen aus dem In- und Ausland.

Weitaus weniger bekannt ist hingegen, dass sich im Braunschweiger Dom auch die Grablege von Kaiser Otto IV. und seiner Frau Beatrix (1198-1212), Tochter des Staufers Philipp von Schwaben (1177-1208) und Irene von Byzanz (1177 oder 1180/81-1208), befinden. Dort wurde Otto IV. 1218 nach einem ereignisreichen und wechselvollen Leben beigesetzt. Vor dem Grabmal seiner Eltern in der welfischen Memorialkirche St. Blasii erinnert heute ein moderner Gedenkstein an den einzigen Kaiser aus dem Haus der Welfen. Dieser Gedenkstein wurde anlässlich des Kaiserjahres und der damit verbundenen großen Landesausstellung »Otto IV. - Traum vom welfischen Kaisertum« 2009 in den Boden eingelassen.

Als dritter Sohn Heinrichs des Löwen wurde Otto IV. 1175 oder 1176 vermutlich in Braunschweig in der väterlichen Burg Dankwarderode geboren. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, dass er die Herrschaft über das Reich übernehmen sollte. Otto war der Sproß einer der bedeutendsten Familien im Reich: Sein Vater Heinrich gehörte zeitweise zu den mächtigsten Reichsfürsten, er herrschte über die Herzogtümer Bayern und Sachsen. Ottos Mutter Mathilde (1159-1189) war die Tochter des englischen Königspaares Heinrich II. Plantagenet (1133-1189) und Eleonore (um 1122-1204), die feinsinnige und einflussreiche Herzogin von Aquitanien. Väterlicherseits gehörte sein Urgroßvater, Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg (1075-1137), zur Familie. Darüber hinaus konnten die Welfen ihre Herkunft bis in die Karolingerzeit zurückverfolgen und auf die Verwandtschaft mit Karl dem Großen (747/748-814) verweisen.

Das folgenreiche Zerwürfnis mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa  (um 1122-1190) führte dazu, dass Heinrich der Löwe seine Reichslehen verlor und 1182 mit seiner Familie ins Exil zu seinen Schwiegereltern nach England gehen musste. Heinrichs Sohn Otto blieb 16 Jahre am englischen Hof und hielt sich auf dem Festland in den französischen Teilen des anglo-normannischen Reiches, in der Normandie und im Poitou, auf. Der englische Thronfolger und kinderlose Onkel Richard Löwenherz (1157-1199) kümmerte sich um die standesgemäß ritterlich-höfische Erziehung seines Lieblingsneffen. In Aquitanien machte sich Otto als furchtloser Heerführer Richards in der Auseinandersetzung mit dem französischen König, Philipp II. (1165-1223), einen Namen.

Das Leben Ottos am englischen Hofe veränderte sich unvorhergesehen, als der staufische Kaiser Heinrich VI. (1165-1197) unerwartet auf dem Weg zum Kreuzzug 1197 in Messina starb und das Reich vor einer unklaren Nachfolgeregelung stand. Die unmittelbar nach dem Tode Heinrichs ausbrechende Auseinandersetzung um die Reichskrone entwickelte sich zu einem Richtungsstreit zwischen den konkurrierenden Staufern und Welfen. Im Zuge dieses Konfliktes wurden 1198 gleichzeitig zwei römisch-deutsche Könige gewählt: der Staufer Philipp von Schwaben (1177-1208) und der Welfe Otto IV. Beide Herrscher beanspruchten für sich die Rechtmäßigkeit ihrer Wahl zum König und beide stritten sich erbittert um den Kaiserthron. Die Doppelwahl von Philipp und Otto brachten dem römisch-deutschen Reich zehn Jahre heftige militärische Auseinandersetzungen und Verwüstungen durch die Heere beider Parteien.

Der »Königsmord zu Bamberg« veränderte unerwartet die verfahrene Situation zugunsten des Welfen: Philipp von Schwaben wurde in einer privaten Angelegenheit von Otto VIII. von Wittelsbach (vor 1180-1209), Pfalzgraf von Bayern, ermordet. Der Weg war nun für Otto IV. frei, Papst Innozenz III. (1161-1216) - er gilt als bedeutendstes Oberhaupt der Kirche im Mittelalter - krönte den Welfen 1209 zum Kaiser.

Ein neuer Kampf begann im alten Streit zwischen Kirche und Kaiser um die Herrschaft im Reich. Um sich gegen die Machtansprüche Ottos zu wehren, exkommunizierte Papst Innozenz III. Kaiser Otto IV. kurzerhand. Diese Ächtung hatte zur Folge, dass sich die Reichsfürsten von dem Welfenkaiser abwandten. Als dann noch Otto IV. am 27. Juli 1214 in der entscheidenden Schlacht bei Bouvines in der Grafschaft Flandern dem französischen König Philipp II. unterlag, verlor der Welfe die Vorherrschaft im Reich. Politisch gescheitert, zog sich Otto IV. verbittert und vereinsamt nach Braunschweig zurück. Doch auf dem Sterbebett auf der Harzburg versöhnte sich Kaiser Otto IV. mit der Kirche. Nach seinem Tod am 19. Mai 1218 bestieg sein Rivale, der Staufer Friedrich II. (1194-1250), den Kaiserthron. In seinem Testament beauftragte Otto IV. seinen älteren Bruder Heinrich V. den Älteren, Pfalzgraf bei Rhein (um 1173/74-1227), die Insignien seines kaiserlichen Amtes seinem staufischen Nachfolger auszuhändigen.

Schon mit dem weitgehenden Machtverlust des Kaisers Otto IV. nach der Schlacht bei Bouvines 1214 und schließlich mit seinem Tod 1218 endete vorerst die reichsfürstliche Stellung der Welfen. Otto hinterließ keine Kinder, die den Anspruch ihres Geschlechts hätten aufrecht erhalten können. Erst 1235 wurde auf dem Mainzer Hoftag der welfisch-staufische Streit beigelegt. Ottos Neffe, der Lüneburger Welfe, Otto I. das Kind (1204 -1252), bekam wieder eine reichsfürstliche Stellung und erhielt das neu geschaffene Herzogtum Braunschweig und Lüneburg.

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