| Anika Kreft, M.A.

Warschau 1942

Edith Jondorfs letzte Zeilen an ihre Mutter

„Meine liebe Mu, soeben am 19. erhielt [ich] Deine Karte vom 13.5. … Jeder Tag bedeutet viel, wenn man nichts zum Essen hat … sende doch auch etwas Wurst“, „heute ist mein Geburtstag … bin in Gedanken all meine Geburtstage durchgegangenen, besonders schöne waren [der] 12. (Bat! [Bat Mizwa], [der] 20. (Verlobung) …“. Edith Jondorf beschreibt auf Postkarten an ihre Mutter Elsbeth Schönlank den Alltag in Warschau nach ihrer Deportation im Frühjahr 1942. Die Braunschweigerin schreibt über Hunger, das Wetter, erzählt von Erkrankungen, lässt gemeinsame Bekannte grüßen und bittet um Päckchen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten. [1]
 

Die Nationalsozialisten deportierten Edith, die Tochter eines jüdischen Braunschweigers, zusammen mit ihrem jüdischen Mann Hugo im Frühjahr 1942 nach Warschau. Ediths Mutter Elsbeth war Christin und verblieb in Braunschweig. [2]

„Wir bekamen plötzlich Räumungsbefehl u. mußten in Eile ins Judenviertel ziehen … Wir liegen in einem Notquartier auf der Erde ohne alles“, schrieb Edith im Sommer 1942 aus Warschau. Vermutlich war das Ehepaar Jondorf zunächst zeitweise in der sogenannten Quarantänestation und danach in einem Sammellager des Ghettos untergebracht. Die Spur des Ehepaar Jondorfs verliert sich mit dieser Postkartensendung aus dem Warschauer Ghetto im Sommer 1942. Kamen sie danach im Rahmen der „Aktion Reinhardt" in das Vernichtungslager Treblinka?Sie wurden für tot erklärt. [3]

 

Durch Boykott, Berufsverbot, Sondersteuern für Jüd*innen, bürokratische Hürden und Enteignungen brachten die Nationalsozialisten viele jüdische Familien in Deutschland in finanzielle Schwierigkeiten. Der vorliegende Postkartenwechsel zeigt einen kleinen Ausschnitt davon. Edith fragte ihre Mutter, warum sie finanzielle Probleme habe, Schwierigkeiten mit Darlehen, mit Vollmachten und mit der Krankenkasse. Ihrer Mutter gehöre doch die Hälfte des Hauses Hennebergstraße 7 in Braunschweig, stellte sie fest. „Die Möbel unseres Zimmers sind doch Dein Eigentum u. können doch nicht entfernt werden, was hat die Wehrmacht von uns abgeholt?" [4]

Das Haus Hennebergstraße 7 gehörte 1942 der Familie, eine Hälfte den Jondorfs, die andere den Schönlanks. Ediths Vater Eugen Schönlank und ihr Ehemann Hugo Jondorf hatten das Haus 1921 gemeinsam gekauft. Hugo hatte die Jondorfsche Haushälfte in weiser Voraussicht an Ediths christliche Mutter übertragen. Der Braunschweigische Staat zwang ihn jedoch, den Vertrag zu annullieren und eignete sich die Haushälfte kurz vor der Deportation der Jondorfs an. Ein Kaufvertrag über 7.952 Reichsmark gab der Enteignung einen legalen Anstrich. Ganz offen wird in der Korrespondenz zwischen Braunschweigischem Finanzministerium und Gestapo damit umgegangen, dass der Kaufpreis einbehalten werden soll. [5]

 

Ediths Tochter Ingeborg (Inge) verklagte 1952 das Land Niedersachsen, den Rechtsnachfolger des Braunschweigischen Staates. Es ging um die Herausgabe ihres Erbes – um die Hälfte des Hauses Hennebergstraße 7. Sie war erfolgreich und konnte ihr Erbe antreten. Ediths Tochter sowie auch Ediths Brüder Gerhard und Arthur Jondorf hatten es in den 1930er Jahren rechtzeitig geschafft, aus Deutschland zu fliehen. Sie überlebten den Holocaust in den USA und Südafrika. [6]

Anlässlich des Tages der Provenienzforschung am 13. April 2022 sind die Postkarten erstmalig im Original in der Ausstellung „Ein Teil von uns. Deutsch-jüdische Geschichten aus Niedersachsen“ des Braunschweigischen Landesmuseums zu sehen.

Die Postkarten von Edith Jondorf an ihre Mutter blieben im Familienbesitz. Elsbeth Schönlanks Schwiegertochter stiftete die Postkarten Ende der 1990er Jahre dem Braunschweigischen Landesmuseum. Die Karten ergänzen ein bis dahin unbekanntes Puzzleteil der Lebensgeschichte der Braunschweiger Familie Jondorf / Schönlank.

Braunschweigisches Landesmuseum, Inv.-Nr. BLM 2022-11, 1–5, Foto: Anja Pröhle

Postkarten von Edith Jondorf an Elsbeth Schönlank mit Poststempel vom 3. und 22. Mai, 4. Juni, 1. und 23. Juli 1942, Braunschweigisches Landesmuseum, Inv.-Nr. BLM 2022-11, 1–5. Ergänzungen der Autorin sind in eckigen Klammern dargestellt.
 

www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_nwd_420401.html; Gedenkbuch. Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945, bearb. vom Bundesarchiv Koblenz und Arolsen Archives, Bd. 1–2, 1986, online: www.bundesarchiv.de/gedenkbuch; weiterführend: Reinhard Bein, Sie lebten in Braunschweig. Biografische Notizen zu den in Braunschweig bestatteten Juden (1797 bis 1983), Mitteilungen aus dem Stadtarchiv Braunschweig Nr. 1, Braunschweig 2009, insbes. S. 510–512.
 

3 Postkarte, 23. Juli 1942, Inv.-Nr. BLM 2022-11, 5; www.bundesarchiv.de/gedenkbuch, Edith und Hugo Jondorf (Abruf 25.03.2022); Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 9 Polen: Generalgouvernement August 1941–1945, bearb. v. Klaus-Peter Friedrich, München 2013, S. 28, Dokument 96 (zentraler Befehl des Reichsführer SS Heinrich Himmler an den Höheren SS- und Polizeiführer Friedrich-Wilhelm Krüger zur Ermordung der Juden im Generalgouvernement).
 

4 Postkarte, 3. Mai 1942, Inv.-Nr. BLM 2022-11, 1.
 

5 Bein, Sie lebten in Braunschweig, S. 510–12.
 

6 ebd.
 

Ergänzende Links zu den Bildunterschriften: Familienporträt ©Yad Vashem; Stolpersteine ©Migebert, Wikimedia Commons

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