| Dr. Hansjörg Pötzsch

Zwischen NS-Kulturgutraub und Kolonialen Kontexten.

Provenienzforschung an den 3Landesmuseen Braunschweig

Vier Objekte, vier Abbildungen: Sie stehen für die Bandbreite der Provenienzforschung zwischen NS-Kulturgutraub und Kolonialen Kontexten. Und sie geben zum Tag der Provenienzforschung am 14. April 2021 einen Einblick in die aktuellen Arbeitsinhalte der Provenienzforschung an den 3Landesmuseen Braunschweig.

Da ist das Gemälde „Das Gleichnis vom guten Hirten“ aus der Werkstatt Pieter Brueghels d. J. (1564/65-1637/38) im Herzog Anton Ulrich-Museum. Wer die Vorbesitzer des Gemäldes waren, ist unbekannt. Es gibt bisher keinerlei Hinweise. Es existiert lediglich eine Expertise des Kunsthistorikers Max J. Friedländer (1867-1958), ausgestellt 1943 in Den Haag. Als Jude war Friedländer 1939 aus Deutschland in die Niederlande emigriert. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande bewahrten ihn seine hervorragenden Kenntnisse der niederländischen Malerei und der Schutz Hermann Görings vor Verfolgung und Deportation. Göring bediente sich der geschätzten Expertise Friedländers bei der Auswahl von Kunstwerken für seine Privatsammlung aus dem NS-Kulturgutraub. Eine der zentralen Institutionen für den NS-Kulturgutraub saß in Den Haag: die „Dienststelle Mühlmann“, benannt nach ihrem Leiter, dem Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann (1898-1958). Von der Dienststelle Mühlmann führen Verbindungslinien zu Friedländer. Der Sachverständige und Informant der Dienststelle, der Kunsthistoriker und Kunsthändler Eduard Plietzsch (1886-1961), hatte Friedländers Brueghel-Gutachten 1943 beglaubigen lassen. 1947 erwarb das Herzog Anton Ulrich-Museum das Brueghel-Gemälde von der weitgehend unbekannten Kölner Kunsthandlung Erwin Josef Giel über die ebenfalls weitgehend unbekannte Wolfenbütteler Kunsthandlung Albert Metzenmacher. Aus wessen Besitz stammte das Kunstwerk? Wem gehörte es vor 1943 und zwischen 1943 und 1947?

Viele offene Fragen stellen sich auch zur Provenienz (Herkunft) des Gemäldes „Der Traum Josephs“ aus der Werkstatt Bernardo Cavallinos (1616-1656?). Das Herzog Anton Ulrich-Museum hat das Gemälde 1963 bei der Kunsthandlung Cramer in Den Haag erworben. Unter den Vorbesitzern des Kunstwerkes befindet sich der in Prag geborene Archäologe, Kunsthändler und Kunstsammler Ludwig Pollak (1868-1943). Pollak soll das Cavallino-Gemälde Anfang der 1920er-Jahre erworben haben. Pollak lebte in Rom. Mit dem Erlass der italienischen Rassengesetze 1938 war er als Jude der Verfolgung ausgesetzt. 1943 wurde Pollak zusammen mit seiner Familie verhaftet, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Hat sich das Cavallino-Gemälde zum Zeitpunkt des Erlasses der italienischen Rassengesetze noch in Pollaks Besitz befunden? Wann, an wen und unter welchen Umständen hat Pollak das Gemälde verkauft, verschenkt oder verliehen? Oder ist es nach seiner Deportation beschlagnahmt worden? Kann der Nachlass Pollaks in Rom bei der Beantwortung der Fragen helfen?

Um einen Nachlass aus Kolonialen Kontexten geht es am Braunschweigischen Landesmuseum. Das Museum hat 1978 den Nachlass Hermann Schlüters (1876-1953) als Schenkung eines Nachkommen erhalten. Schlüter war Kunstgärtner und Amateurfotograf. Von 1896 bis 1901 diente er als Freiwilliger („Reiter“) der „Schutztruppe“ in der damaligen deutschen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ (heute: Namibia). Neben einer umfangreichen Fotosammlung mit Motiven aus dem damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, die den Blick der Kolonialherren widerspiegeln, befinden sich in dem Nachlass auch einzelne Objekte aus Kolonialen Kontexten. Dazu gehören zwei Kleidungs- und Schmuckstücke der traditionellen Damenmode der Herero aus Namibia um die Jahrhundertwende: ein Kopfschmuck (Ekori) aus Leder und Eisenhülsen und ein Beinschmuck aus Leder und Eisenperlen.

Vom Ekori ist nur der 10-reihige Behang aus Leder und Eisenhülsen erhalten. Die mit drei blattartigen, spitz zulaufenden „Hörnern“ und einem aufgerollten „Schleier“ versehene lederne Haube fehlt. Möglicherweise ist die Haube absichtlich vom Behang abgetrennt worden. Denn die christlichen Missionare sahen in den „Hörnern“ ein Symbol des Teufels. Das Leben der Herero war geprägt vom Rassismus, von Ausgrenzung und Unterdrückung der Kolonialherren. Im Vernichtungskrieg, den die deutschen Kolonialherren zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia gegen sie führten, wurden die Herero wie die Nama Opfer eines Völkermordes. Die materielle Kultur der Herero ging verloren. Leder und Eisen verschwanden aus der traditionellen Damenmode der Herero. An ihre Stelle traten die von den Kolonialherren und Missionaren eingeführten Baumwollkleider.

 

Das alles ist zu bedenken, wenn es um die Kontextualisierung der beiden Herero-Bekleidungsstücke geht. Viele Fragen sind noch unbeantwortet: Aus welcher Region Namibias kommen die Objekte? Wer hat sie wann und wie hergestellt? Wer hat sie besessen? Wie war der Erwerbungs- oder Aneignungshintergrund durch Schlüter? Welche Geschichten erzählen uns die Objekte? Wie können wir das alles dokumentieren? Wie gehen wir mit den Objekten künftig um?

Transparenz und Dialog sind mit der Kontextualisierung eng verbunden. In einem ersten Schritt konnte das Braunschweigische Landesmuseum im September 2019 die Objekte und die Fotosammlung aus dem Nachlass Hermann Schlüter Wissenschaftler*innen aus Namibia und Kamerun präsentieren, die im Rahmen des Projekts „PAESE - Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen“ Gast des Städtischen Museums Braunschweig waren. In einem zweiten Schritt sollen das aktuelle Provenienzforschungsprojekt der 3Landesmuseen Braunschweig bei PAESE gemeldet und die Objekte aus Namibia in der PAESE-Datenbank eingestellt werden. Im Hinblick auf den NS-Kulturgutraub wird parallel dazu die Listung der beiden oben genannten Gemälde von Brueghel und Cavallino in der Lost Art-Datenbank erfolgen.

Kontextualisierung, Transparenz und Dialog sind wichtige Bestandteile der Provenienzforschung. Das betrifft – unter besonderer Berücksichtigung der notwendigen Sensibilität – auch die menschlichen Überreste aus Kolonialen Kontexten in der anthropologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Braunschweig. Sie stammen – soweit bisher bekannt – vor allem aus Asien, Südamerika und dem australischen Kontinent.

 

Unabdingbar für eine effektive Provenienzforschung sind darüber hinaus die Vernetzung und der Austausch der Provenienzforscher*innen untereinander. Das gilt sowohl regional über das Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen als auch national und international über das Portal Provenienzforschung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und den Arbeitskreis Provenienzforschung e. V. – der auch den Tag der Provenienzforschung initiiert hat.

 

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