"Sachsenforschung"

Die Forschung geht weiter: Sachsenforschung in Niedersachsen

Die traditionsreiche „Sachsenforschung Niedersachsen“ wird künftig am Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg von Dr. Annette Siegmüller fortgeführt. Sie tritt damit die Nachfolge der verstorbenen Dr. Babette Ludowici an. Damit bleibt dieser bedeutende Forschungsbereich in Niedersachsen erhalten, der sich der archäologischen Erforschung der „alten“ Sachsen (und ihrer Nachbargruppen) widmet.

Die Herausgabe der Publikationsreihe „Neue Studien zur Sachsenforschung“ verbleibt weiterhin am Braunschweigischen Landesmuseum. Neuere Bände sind bereits digital auf dem Publikationsserver der TU Braunschweig abrufbar. Die beiden Landesmuseen mit archäologischem Schwerpunkt in Braunschweig und Oldenburg werden die Inhalte der Bände gemeinsam betreuen und so ihre Zusammenarbeit durch die Sachsenforschung weiter verstärken.

Wer sind die Sachsen?

Sachsen sind nicht nur die heutigen Einwohner*innen des Bundeslandes Sachsen. Bereits in der Antike und im frühen Mittelalter taucht der Begriff auf – allerdings uneinheitlich und von außen geprägt. Der Bischof Gregor von Tours bezeichnet im 6. Jahrhundert Bewohner*innen zwischen Rhein und Elbe als Saxones. Es handelt sich um die früheste bekannte schriftliche Nennung dieses Namens für Menschen in dieser Region. Allerdings ist unklar, ob sich diese Gruppen selbst so nannten; zudem verwendet Gregor den Begriff auch für andere Gruppen, etwa an der gallischen Küste an der Loire oder der Seine.
 

Die einzige zeitgenössische Beschreibung über die gesellschaftliche Struktur der Bewohner*innen des heutigen Westfalen und Niedersachsen in der Zeit der Sachsenkriege liefert der englische Mönch Beda Venerabilis (731). Er stellt fest, dass sie keine homogene Gruppe sind und von verschiedenen Fürsten angeführt werden. Ob diese Gruppe sich Gruppe selbst als „Sachsen“ bezeichnet, wissen wir nicht.
 

Erst im Zuge der Sachsenkriege Karls des Großen im 8. Jahrhundert treten die Sachsen stärker in den Fokus. Sein Biograf Einhard beschreibt sie als ein ‚wildes Volk‘, dass es nicht für ehrlos hielt, „alle göttlichen und menschlichen Gesetze zu verletzen und zu übertreten.“ Diese frühmittelalterlichen Sachsen wurden zum Ziel der ersten Gewaltmission des Christentums. Nach ihrer gewaltsamen Unterwerfung wurden sie Teil des fränkischen Reiches, ohne dass ihre Führungsschicht vollständig verschwand. Im Jahr 919 bestieg mit Heinrich I. erstmals ein sächsischer Adliger den ostfränkischen Thron. Unter ihm und seinem Sohn Otto I., der 962 zum Kaiser gekrönt wurde, entwickelten sich die Gebiete um den Harz zu einem politischen Zentrum des Reiches. Eine sächsische Identität entwickelte sich in Norddeutschland erst infolge der Eingliederung des Raumes in das Reich Karls des Großen und der Wahl Heinrichs I. zum fränkischen König (919).

Archäologische Forschung zur Landesgeschichte im 1. Jahrtausend

Die Erforschung der „alten“ Sachsen hat in Niedersachsen Tradition: Das Bundesland erstreckt sich geographisch im weiten Raum der frühmittelalterlichen „Saxonia“. Unser Wissen über die Lebenswirklichkeit, die Geschichte und die Herkunft der Bevölkerung, die damals dort ansässig war, basiert im Wesentlichen auf der wissenschaftlichen Ausdeutung von Bodenfunden und Bodendenkmälern aus dem 1. Jahrtausend. Hierzu gehört auch der berühmte Grabhügel von Klein-Vahlberg im Landkreis Wolfenbüttel, in dem um 600 n.Chr. Mitglieder einer mächtigen Familie beigesetzt worden sind.

Schon 1949, wenige Jahre nach der Gründung des Landes Niedersachsen, hatte in Cuxhaven ein kleiner Kreis von Archäolog*innen das „Internationale Sachsensymposion“ ins Leben gerufen. Unter der Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaft zur Archäologie der Sachsen und ihre Nachbarvölker in Nordwesteuropa (IVoE)“ ist dieses Symposion heute eines der maßgeblichen wissenschaftlichen Foren für die Archäologie der frühen Geschichte Nordwesteuropas. Aktuell gehören dem Fachverband mit Sitz in Belgien über 160 gewählte Archäolog*innen und Historiker*innen aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Schweden und den USA an.

Eines der Gründungsmitglieder des „Internationalen Sachsensymposions“ war Albert Genrich (1912–1996). Er hat am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover (NLMH), wo er bis 1977 tätig war, einen eigenständigen archäologischen Forschungsbereich zum ersten Jahrtausend in Niedersachsen etabliert. Die landesgeschichtlich ausgerichtete „Sachsenforschung“ auf der Basis archäologischer Funde und Befunde wurde am NLMH von Hans-Jürgen Häßler (1939-2011) übernommen und bis 2004 fortgeführt. Seine Studien zu frühgeschichtlichen Bestattungsplätzen und Grabfunden in Niedersachsen haben der Forschung zum 1. Jahrtausend in Nordwesteuropa wesentliche Impulse verliehen. Mit der Publikationsreihe „Studien zur Sachsenforschung“ schuf Häßler, der von 1996 bis 2002 auch Vorsitzender des „Internationalen Sachsensymposions“ war, ein international anerkanntes Fachorgan zur Frühgeschichtsforschung in Europa.

Dr. Babette Ludowici Babette Ludowici hat die Sachsenforschung über viele Jahre maßgeblich geprägt. Bis 2016 führte sie diesen Forschungsbereich zunächst am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover und von 2017 bis 2024 am Braunschweigischen Landesmuseum fort und setzte damit die von Albert Genrich und Hans-Jürgen Häßler begründete Forschungstradition fort.

Alte Sachsen - neue Fakten!

In Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover hat das Braunschweigische Landesmuseum 2019 eine von Dr. Babette Ludowici kuratierte Sonderausstellung unter dem Titel „SAXONES – Das erste Jahrtausend in Niedersachsen“ gezeigt. 

Die Ausstellung führte moderne Perspektiven und aktuelle Erträge der Forschung zu den frühgeschichtlichen Sachsen zusammen und bündelte sie zu einer neuen Erzählung der Geschichte heute niedersächsischer und westfälischer Gebiete im 1. bis 10. Jahrhundert. Im Fokus stand dabei die Frage nach der Herausbildung von Identitäten. Die vielbeachtete Präsentation trug den Titel einer Landesausstellung und stand unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen. Die als Handbuch konzipierte Begleitschrift zur Ausstellung erschien als Band 7 der „Neuen Studien zur Sachsenforschung“.

Eine komprimierte digitale Version der Ausstellung ist dauerhaft online präsent: Die Website saxones-togo.de macht die Ausstellungserzählung mit Porträts historischer Akteur*innen und auf der Basis von Karten und ausgewählten Objekten mit vertiefenden Informationen nachvollziehbar. Sie ist in deutscher und englischer Sprache abrufbar.

Publikationen

Seit 2017 erfolgt am BLM in Kooperation mit dem „Internationalen Sachsensymposion“ die Herausgabe der Schriftenreihe „Neue Studien zur Sachsenforschung“. Inhaltsverzeichnisse aller Bände finden Sie hier.

Die Bände der Reihe sind über das Museum zu beziehen.

Kontakt

Dominique Ortmann, M.A.

Leitung Archäologie

E-Mail d.ortmann@3landesmuseen.de
Telefon 0531 1225-1110

Braunschweigisches Landesmuseum
Kanzleistr. 3
38300 Wolfenbüttel