Hallo liebes Museumsstück – wo kommst du her?
Buntstiftzeichnung „Reiter auf seinem Pferd“, entstanden im Rahmen eines FSJ
© Johanna Schmidt (20.02.2026)
Da steht es im Museum. Ein altes Schaukelpferd. Fein ausgerichtet hinter einer Glasscheibe. Die kleinen Lämpchen im Schaukasten beleuchten jedes Detail und fast sieht es so aus, als würde es noch hin und her schwingen. Durch das alte Holz mit seinen Kratzern wird klar: Dieses Schaukelpferd hat einst gelebt, indem Kinder es in ihre Herzen einschlossen. Die Spuren im Holz zeigen lediglich, wie oft es ihnen als Spielgefährte diente. Sie hatten es lieb und passten darauf auf, so als wäre es ein echtes Pferd, obwohl es nur in ihrer Fantasie wirklich galoppierte. Fantasie ist in der Provenienzforschung zwar auch gefragt, aber Beweise sind wichtiger. Denn die Provenienzforschung fragt danach, wem Museumsobjekte einmal gehört haben.
Beispielfotografie „Schaukelpferd“, Inv. Nr. LMB 23042
© Braunschweigisches Landesmuseum, Monika Fischer
Welche Kinder haben mit dem Schaukelpferd gespielt? War es ein Herzenswunsch an Weihnachten oder ein Geschenk zum Geburtstag? Hat eine Oma ihren Enkel*innen damit eine Freude bereitet oder haben die Kinder selbst das Taschengeld gespart? Genau so beginnt Provenienzforschung. Mit Fragen, nicht mit Antworten. Und mit Neugier. Denn der Beginn der Forschung ist der Antrieb, etwas Neues zu lernen. Wie war es wirklich? Zunächst einmal gehen gute Forscher*innen immer mehrere Wege, um die Lebensgeschichte eines Ausstellungsstückes aufzudecken. Fotos, Briefe und andere Schriften geben Auskunft. In dem Schaukasten neben dem Pferdchen liegt eine alte Fotografie, die zeigt, wie drei Kinder das Schaukelpferd umarmen. Vielleicht war es ein Weihnachtsgeschenk der Oma. Denn ein Stück weiter ist eine handgeschriebene Weihnachtskarte ausgelegt, mit der eine Großmutter ihren Enkel*innen viel Freude mit dem Schaukelpferd wünscht. Dadurch ist klar: Fantasie und Forschung sind nie dasselbe, aber Fantasie hilft beim Fragenstellen.
Buntstiftzeichnung „Geöffneter Koffer“, entstanden im Rahmen eines FSJ
© Johanna Schmidt (20.02.2026)
Und was ist mit der Frage, ob es in einem Kinderzimmer stand? Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Und das ist in Ordnung. Denn auch das ist Provenienzforschung. Nicht jede Frage kann beantwortet werden. Provenienzforscher*innen müssen ehrlich sein. Es gibt so viele Möglichkeiten, die Reise eines Objektes zu erforschen. Nicht jedes Objekt wurde hergestellt, war jemandes Besitz und landete dann im Museum. Manchmal wurde ein Objekt gestohlen, zurückerlangt oder weitervererbt. Objekte können nicht sprechen, doch wenn wir fragen, können sie trotzdem antworten. Manche Objekte verraten uns Infos über Zeitepochen, Persönlichkeiten oder Gründe für das Handeln anderer Menschen. Wer fragt, erhält Antworten. Heute entschlüsseln wir vielleicht die Geschichte eines kleinen Schaukelpferdes und morgen vielleicht die Reise eines Kompasses, der auf unzähligen Schifffahrten dabei war und mehr Abenteuer erlebt hat als so manch ein*e Seefahrer*in.
Buntstiftzeichnung „Forschen mit Lupe“, entstanden im Rahmen eines FSJ
© Johanna Schmidt (20.02.2026)
Die Detektivarbeit ist eine wichtige Aufgabe des Museums. Denn die Forscher*innen tragen auch Verantwortung dafür, mögliches Unrecht aufzudecken. Vielleicht hätten die Geschwister, als sie erwachsen waren, das Pferd gern an ihre Kinder weitergegeben, doch sie hatten es zurücklassen müssen, weil sie als Kinder mit ihren Eltern aus ihrem zu Hause hatten fliehen müssen. Plötzlich war es Besitz eines anderen. Und es gibt Objekte, die noch wertvoller sind, als ein Schaukelpferd, bei denen es von noch größerer Bedeutung ist, Objekte ihren rechtmäßigen Besitzer*innen zurückzubringen. Und was wäre, wenn die Holzeinkerbungen bewusst getätigt worden wären? Vielleicht stand der Baum vor Kurzem noch, bevor aus seinem Holz das Pferd hergestellt wurde? Wer beweist die Echtheit des Objektes? Und noch ein Aspekt ist wichtig: Was sagt es über Kinder aus, die damals mit einem Schaukelpferd anstelle des Smartphones spielten? Diese Vergleiche können uns wachrütteln. Objekte sind Träger von Geschichten und Schicksalen, durch die wir lernen dürfen.
Ein Objekt erzählt nicht alles selbst – wir müssen die Fragen stellen.
Was ist Provenienzforschung? Wo waren die Objekte, bevor sie ins Museum kamen? Und woher kennt man die Geschichten hinter einem Ausstellungsstück?
Mein Name ist Johanna Schmidt. Ich bin FSJlerin im Bereich Sammlungsdokumentation des Braunschweigischen Landesmuseums. All diesen Fragen bin ich auf den Grund gegangen, denn für mich war der Begriff der Provenienzforschung auch ganz neu. Doch während meiner Arbeit im Museum habe ich erkannt, wie wichtig dieses Thema ist, um eine Ausstellung zum Leben zu erwecken und für die Besucher spannend zu gestalten.
Obwohl dieser Begriff meist nur in Gesprächen unter Forscher*innen fällt, bin ich der Ansicht, dass das Thema auch Antwort auf viele kindliche Fragen geben kann, wie sie so oft bei Führungen gestellt werden. Daher möchte ich mit diesem Beitrag einen Weg ebnen, der es schafft, museale Themen auch für Kinder erlebbar zu machen und aufzeigt, dass der Sinn hinter Ausstellungsstücken nicht nur die Darstellung ist. Auch die Anregung zum Fragenstellen gehört dazu.
Quellenverzeichnis:
https://www.arbeitskreis-provenienzforschung.org/tag-der-provenienzforschung/
https://www.arbeitskreis-provenienzforschung.org/veranstaltungen/
https://landschaftsverband.org/museumsberatung/provenienzforschung/was-ist-provenienzforschung.html
https://von-der-heydt-museum.de/museum/blog/provenienzforschung-am-von-der-heydt-museum/
https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/blog/provenienzforschung-ueber-praxis-und-relevanz/




