| Sven Gippner

Nomenklatur für Anfänger

Die Krux mit den wissenschaftlichen Namen

Turdus merula: Der wissenschaftliche Name gibt dem simplen schwarzen Gartenvogel, den jeder normale Mensch schlicht als Amsel bezeichnet, gleich viel mehr Gewicht. Es ist eines der einfachsten  Mittel jedem noch so schlecht redigierten Zeitungsartikel oder jeder noch so ausgeblichenen Info-Tafel am ausgetrockneten Weiher mit der gewissen Prise Wissenschaft die vermeintliche Würze zu verleihen. Leider geht dabei häufig etwas schief. Von den meisten Menschen mit Gleichgültigkeit wahrgenommen, offenbart sie einer kleinen Gruppe von Eingeweihten die Fachfremde ihrer Verfasser*innen. Ein guter Ansatz also um als routinierte Museumsbesucher*innen mit Wissen zu glänzen.

Aber was ist es denn, was so offensichtlich und häufig falsch gemacht wird? Werden Buchstaben vertauscht? Namen falsch geschrieben?

Steht unter der putzigen Amsel plötzlich Trichechus manatus wird wohl nur den wenigsten auffallen, dass hier etwas nicht stimmt. Aber meist ist es wesentlich offensichtlicher und, sobald man es weiß, springen einem diese vermeintlich kleinen Fehler viel häufiger ins Auge als man es vermuten würde. Denn es ist vielmehr die Form in der diese Namen präsentiert werden, die falsch ist. Dazu gleich mehr. Vorher springen wir kurz in die Vergangenheit, um zu schauen, warum es überhaupt wissenschaftliche Namen gibt.

Menschen neigen zu Kategorisierungen. Dies hilft die Umwelt zu ordnen und zu verstehen. Während dies im Alltag eher ein intuitiver Vorgang ist um Gegenstände, Lebewesen oder Prozesse zu sortieren, nutzt die Wissenschaft gerne eine strukturierte  Ordnung nach festgelegten Kriterien. So ist es nicht verwunderlich, dass bereits Aristoteles in seiner „Historia animalium“ begann Tiere zunächst in solche „mit Blut“ und solche „ohne Blut“ einzuteilen. Das System auf dem unsere heutige Klassifikation basiert, hat dann allerdings erst ein aufgeweckter Schwede 2.100 Jahre später begründet. Carl von Linné begann Mitte des 18. Jahrhunderts eine Nomenklatur (Namensverzeichnis) für Tiere und Pflanzen zu schaffen, die bis heute als Goldstandard gilt.  Dabei legte er fest, dass Artnamen nur noch aus zwei Wörtern zu bestehen haben. Das erste sollte ein Substantiv sein, welches eine Gruppe ähnlicher Arten zusammenfasst und das zweite ein Adjektiv, welches die Art genauer beschreibt. Da damals Latein als die gemeinsame Sprache der Wissenschaft  galt (so wie es heute das Englische ist), wurde bei der Namenssuche bevorzugt auf lateinische und griechische Wörter zurückgegriffen. Wörter anderer Sprachen wurden entsprechend latinisiert. Wichtige Voraussetzung für dieses System ist allerdings, dass jeder Name nur genau einer einzigen Art zugeteilt werden darf, es dürfen also niemals zwei gleiche Artnamen im Umlauf sein, selbst wenn sie so etwas Unterschiedliches wie einen Baum und ein Bakterium benennen. Dieses System der Benennung wird als Binomialnomenklatur bezeichnet, eine Klassifizierungsmethode, die Carl von Linné weltberühmt machen sollte.

Für diese Nomenklatur gibt es seit 1905 auch ein einheitliches, internationales Regelwerk, welches mehrmals überarbeitet wurde und festlegt, wie Tierarten zu benennen sind. Seit dem 1. Januar 2000 ist die vierte Ausgabe in Kraft getreten und enthält 18 Kapitel mit insgesamt 90 Artikeln. Kein Witz! Darin wird unter anderem festgelegt, dass der erste Teil eines wissenschaftlichen Namens, der Gattungsname (Turdus ist der Name aller Echten Drosseln), stets großgeschrieben werden muss. Der zweite Teil, der Artname, hingegen immer klein. Manchmal gibt es auch einen dritten Namen, der dann die Unterart benennt (Turdus merula azorensis kommt zum Beispiel nur auf den Azoren vor), der muss – laut Regelwerk – ebenfalls klein geschrieben werden.

Wie Sie jetzt bestimmt schon mitbekommen haben, wird der wissenschaftliche Name zudem immer hervorgehoben, meist durch einfaches Kursivsetzen, wie in diesem Text. Dies ist allerdings nicht explizit im Regelwerk festgelegt, aber unter Wissenschaftler*innen Usus und wird in Publikationen stets vorausgesetzt – also fast schon Geheimwissen. Anders verhält es sich allerdings mit den wissenschaftlichen Namen der Gruppenbezeichnungen, die oberhalb der Gattung stehen also z.B. mehrere Gattungen zusammenfassen sollen, hier wird zwar auch stets großgeschrieben, aber nicht hervorgehoben. Um dies anschaulich zu verdeutlichen: Der Name Turdidae bezeichnet die Familie der Drosseln, die innerhalb der Ordnung Passeriformes (Sperlingsvögel) stehen zu der die Amsel gehört (Turdus merula): Ordnungs-, Familien- und Gattungsnamen groß, Gattungs- und Artnamen kursiv.

Und wozu nun das Ganze?

Amsel ist zugegeben der viel eingängigere Name als Turdus merula (wobei Ihnen da die eingefleischten Ornithologen widersprechen mögen). Aber hätten Sie bei Merle oder Schwarzdrossel an den gleichen Vogel gedacht? Trivialnamen, also die, die im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet werden, unterscheiden sich regional oft stark. Um die Kommunikation in der Wissenschaft auch über Ländergrenzen oder gar Kontinente zu ermöglichen ist es daher unerlässlich, sich auf einen festen Namen zu einigen. So weiß auch die Kollegin aus Madrid, dass „mirlo“ gemeint ist, wenn der deutsche Kollege von Turdus merula spricht.

Disclaimer: Aus technischen Gründen können wir die wissenschaftlichen Namen in den Bildunterschriften nicht kursiv setzen. Wir bitten dies zu entschuldigen.

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