| Annika Beckmann

Durchbruch beim Abwasch

Die Chemikerin Agnes Pockels

Beitrag zur Blogparade "Frauen und Erinnerungskultur"

Das Naturhistorische Museum liegt bekanntlich in der Pockelsstraße, ebenso das benachbarte Haus der Wissenschaft. Da vermutet der Insider vielleicht, dass die Straße nach der Chemikerin Agnes Pockels benannt wurde, die 1932 als erste Frau die Ehrendoktorwürde von der TU Braunschweig verliehen bekam. Aber nein, Namensgeber der Straße ist bereits seit 1905 der ehemalige Braunschweiger Oberbürgermeister Wilhelm Pockels, der entfernt mit Agnes Pockels verwandt ist. Allerdings erinnern das Agnes-Pockels-Schüler*innen-Labor und die von der TU verliehene Agnes-Pockels-Medaille an die Autodidaktin aus Braunschweig.

Auch wir wollen im Rahmen der Blogparade zu #femaleheritage der Monacensia der Münchner Stadtbibliothek im November 2020 an die Forscherin erinnern. Agnes Pockels, als Frau, die den Spagat zwischen dem klassischen weiblichen Rollenbild im 19. Jahrhundert und naturwissenschaftlicher Forschungsarbeit meisterte, darf hier nicht fehlen. #femaleheritage erinnert an weibliche Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft. Am 21.11.2020 jährte sich der Todestag der in Venedig geborenen Agnes Pockels zum 85. Mal.

Als Frau des 19. Jahrhunderts war ihr der Zugang zu Abitur und Universität verwehrt, obwohl Agnes großes Interesse an den Naturwissenschaften hatte.
Die 18-jährige Agnes Pockels kümmerte sich stattdessen um die Eltern und schmiss den Haushalt. Dabei fiel natürlich auch der Abwasch an (denn eine funktionstüchtige Spülmaschine wurde erst 6 Jahre später im Jahr 1886 ebenfalls von einer Frau – Josephine Cochrane – erfunden). Beim Eintauchen des Geschirrs beobachtete sie, wie sich die Oberflächenspannung des Wassers  veränderte. Sie entwickelte eine Methode zur Messung der Oberflächenspannung (die sogenannte Schieberrinne oder Pockels-Langmuir-Trog) und schuf so die Grundlage für die heutige Grenzflächenphysik. Über Jahre führte sie sorgfältige Untersuchungen durch, ihre Errungenschaften wurden aber zunächst von der männlichen Wissenschaftsgemeinschaft in Deutschland nicht ernst genommen.
Ihr jüngerer Bruder, der nun selbst Physik studierte, versorgte sie mit Fachliteratur. Und so stolperte Agnes Pockels 1891 über einen Aufsatz des englischen Wissenschaftlers und späteren Nobelpreisträger Lord Rayleigh, der sich mit der gleichen Materie wie sie selbst beschäftigte. Sie verfasste einen Brief und erlaubte ihm sogar, ganz uneitel, ihre Ergebnisse selbst zu verwenden. Er erkannte die Bedeutung ihrer Beobachtungen und veröffentlichte sie sofort und unter ihrem Namen in dem schon damals renommierten Wissenschaftsmagazin Nature zur Veröffentlichung. Durch diesen Erfolg wurden ihr dann auch Arbeitsmöglichkeiten am Physikalischen Institut in Braunschweig geschaffen.

Ihr Verdienst um die Wissenschaft wurde erst 1932 mit der Verleihung der „Würde eines Doktor-Ingenieurs Ehren halber“  gewürdigt. Heute erinnert noch eine Gedenktafel am Ort ihres Elternhauses an Agnes Pockels, die ihren persönlichen Interessen unbeirrt nachging und so die Forschung voranbrachte, obwohl familiäre Verpflichtungen und gesellschaftliche Zwänge ihr dies eigentlich nicht zugestehen wollten. Ein Bericht über ihre wissenschaftliche Arbeit, in dem auch ihre Schieberrinne erklärt wird, findet sich hier.

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  • Sylvi Schlichter, Monacensia am 02.12.2020
    Danke für diesen spannenden Einblick! Schön, dass die Forschungsergebnisse von Agnes Pockels noch zu ihren Lebzeiten gewürdigt wurden.

    Viele Grüße aus München nach Braunschweig!
    • Annika Beckmann (3Landesmuseen) am 04.12.2020
      Das stimmt allerdings, da hat sie vielen Zeitgenossinnen einiges voraus.

      Viele Grüße zurück nach München!

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